Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel von Alena Schröder (Band 3
- 28. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Vererbte Schatten – Eindrucksvolles Finale der vielschichtigen Familiensaga

INHALT
Güstrow, Mai 1945: Die 14-jährige Marlen liegt zusammengekauert in der Schublade einer Kommode in einem verlassenen Forsthaus. Als sie sich endlich befreit, entdeckt sie dort das unscheinbare Porträt einer jungen Frau. Wilma, die Marlen geholfen hat sich rechtzeitig vor den russischen Soldaten zu verstecken, nimmt die junge Waise bei sich auf. Doch Wilma hat ein Geheimnis, das sie zu zerstören droht.
Auf zwei Zeitebenen wird die bewegende Geschichte zweier Frauen erzählt, deren Leben durch eine unscheinbar wirkende Leinwand für immer verbunden ist.
Berlin, 2023: Hannah Borowski ist 34 Jahre alt und alles wäre gut, wenn nicht ihre beste Freundin Rubi plötzlich ausziehen würde. Und wenn nicht plötzlich Hannahs Vater wieder aufgetaucht wäre. Und was wurde aus der wertvollen Leinwand, die einst Hannahs Großmutter gehörte und die sich wie ein roter Faden durch ihr bisheriges Leben zieht?
Emotional, warmherzig, tiefgründig: Alena Schröder spürt in ihrem Roman der Frage nach, was wir unseren Eltern schulden und welches Erbe sie uns mitgeben.
(Quelle: dtv - Erscheinungsdatum: 29.01.2026 - ISBN: 978-3-423-28528-5)
MEINE MEINUNG
Nach ihrem bemerkenswerten Debüt „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und der Fortsetzung „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ legt die deutsche Autorin Alena Schröder nun mit „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ den Abschluss ihrer Trilogie vor, in dem sie die Fäden ihrer generationenübergreifenden Familiensaga kunstvoll zusammenführt. Erneut begegnen wir vertrauten Protagonisten aus den Vorgängerbänden, die hier unter einem neuen erzählerischen Blickwinkel beleuchtet werden.
Hinter dem langen, anfangs rätselhaft wirkenden Titel, dessen Bedeutung sich erst im Verlauf erschließt, entfaltet Schröder eine einfühlsam erzählte, berührende Familiengeschichte, die um die familiären Hintergründe, komplexen Verwicklungen und sorgsam gehüteten Geheimnisse der Familie Borowski kreist. Zudem greift die Autorin erneut auf ihre vertrauten Motive wie Selbstfindung, elterliche Schuld und die Nachwirkungen generationenübergreifender Traumata zurück.
Im Mittelpunkt der auf zwei Zeitebenen angelegten Handlungsstränge stehen zwei faszinierende junge Frauen, ihre Lebensentscheidungen und unterschiedlich geprägten Lebenswege: Zum einen im Berlin der Gegenwart von 2023 die Enkelin von Evelyn Borowski, die 34-jährige, mit ihrem Leben hadernde Hannah und zum anderen die 14-jährige Marlen aus Demmin, die in den Wirren der Nachkriegszeit von 1945 im Haus der Künstlerin Wilma Engels in Güstrow Zuflucht findet und sich in der entstehenden DDR unter großen Entbehrungen ein neues Leben aufbaut. In Rückblenden zeichnet Schröder mit großer Empathie und psychologischem Feingefühl die prägenden Stationen ihrer Figuren nach.
Obwohl beide Erzählperspektiven rasch ihren Reiz entfalten, überzeugt vor allem der historische Handlungsstrang im mecklenburgischen Güstrow rund um Marlen, Wilma und dem ehemaligem Kindermädchen Burgel. Die Szenen im zerstörten Nachkriegsdeutschland sind atmosphärisch dicht, emotional aufgeladen und mitreißend erzählt. Dagegen wirkt die Berliner Gegenwartshandlung mit der Lebenskrise der nach Sinn suchenden Hannah bisweilen etwas konstruiert und erreicht nicht die gleiche erzählerische Tiefe. Im Verlauf verdichtet Schröder die Erzählstränge zunehmend, setzt unerwartete Wendungen und enthüllt nach und nach lange verdrängte Geheimnisse. Am Ende führt sie die Geschichte zu einem stimmigen, emotional überzeugenden Abschluss.
Lose verbunden sind die beiden Zeitebenen durch ein während der NS-Zeit verschollene Gemälde, auf das der Romantitel anspielt. Dieses Kunstwerk, über dessen Vergangenheit und Herkunft die Großmutter beharrlich geschwiegen hatte, zieht sich wie ein roter Faden durch Hannahs Familiengeschichte. Mit ihm wird geschickt die Thematik des „Leben auf Leinwand“ als Projektionsfläche von Schuld, Hoffnung, Schweigen, Erinnerung und die Frage nach Aneignung und Erbe beleuchtet. Zwar ist die Auflösung des Rätsels um das Gemälde dramaturgisch schlüssig und symbolisch konsequent umgesetzt, doch wirkte diese auf mich etwas zu erzwungen, um völlig zu überzeugen.
Die Stärke des Romans liegt insbesondere in der Figurenzeichnung. Schröders Frauenfiguren sind mit ihren Stärken, Verletzlichkeiten und widersprüchlichen Entscheidungen vielschichtig und glaubhaft gezeichnet. Schröder versteht es, ihre inneren Konflikte und Entwicklungsprozesse so zu erzählen, dass man sich gut in sie hineinversetzen kann. Besonders gelungen ist das psychologisch stimmige Porträt der jungen Hannah, einer labilen, von Selbstzweifeln geplagten Frau, die zwischen Loyalität, Abhängigkeit und Selbstbehauptung, Nähe und Selbstschutz schwankt. Erst im Loslösen von familiären Erwartungen und der Konfrontation mit der eigenen Geschichte findet sie einen neuen inneren Frieden.
Auch Marlen durchläuft einen eindrücklichen Prozess der Emanzipation. So erleben wir ihre Entwicklung von der verletzlichen Überlebenden zum selbstbestimmten Charakter, der den Mut aufbringt, sich aus einem Leben voller unausgesprochener Zwänge und Abhängigkeiten zu befreien und einen eigenen Weg zu beschreiten.
Weniger überzeugend sind einige der Nebenfiguren wie Hannahs WG-Mitbewohner Justus oder die Vorzeigefamilie von Hannahs Vater Martin, die allzu deutlich als Kontrast zu Hannah angelegt sind und klischeehaft überzeichnet wirken.
Diese kleinen Schwächen und die etwas vorhersehbare Handlung schmälern nur wenig den insgesamt positiven Gesamteindruck dieser Romantrilogie, der mit viel Feingefühl, feinen Nuancen und erzählerischer Balance das Spannungsfeld zwischen Erinnerung und Gegenwart, Schuld und Selbstbestimmung ausleuchtet.
FAZIT
Ein berührender Abschluss der eindringlich und atmosphärisch dicht erzählten Familiensaga über die Macht von Erinnerung, das Schweigen zwischen Generationen und den schwierigen Weg zur Selbstbefreiung.
BEWERTUNG

Rezensionsexemplar *UNBEZAHLTE WERBUNG*






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