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Schwestern. Trotz allem von Max Moor

vor 3 Tagen
4 Min. Lesezeit

Drei Schwestern und eine tiefe Wunde – Ein berührendes Debüt


INHALT Drei Schwestern – drei Leben 


Am Ende des Zweiten Weltkrieges verliert Gerti alles: den Vater, der verschwindet, die Mutter, die stirbt, und die beiden Schwestern, die ins Heim verstoßen werden. Allein bleibt sie bei den Großeltern. Nur drei Knöpfe bleiben ihr, abgerissen von einer alten Weste aus ihrer BDM-Zeit, gedacht als Glücksbringer für die Schwestern.

In einem noch zerstörten Österreich muss das Mädchen früh lernen, allein zu überleben und die eigene Würde gegen alle gesellschaftlichen Vorurteile der Zeit zu behaupten. Die Suche nach ihren Schwestern aber gibt sie nie auf.

Im Jahr 2010 schließlich blickt Gerti zurück auf ihr Leben: auf die Arbeit, die Kinder, die Liebe, den Verlust. Sie denkt: Es war kein schönes Leben. Aber es war meins. (Quelle: dtv - Erscheinungstermin: 08.10.2026 - ISBN: 978-3-423-28568-1)




MEINE MEINUNG Max Moor ist dem deutschsprachigen Publikum vor allem als bekannte Stimme des Schweizer Fernsehens sowie als Moderator und Schauspieler geläufig.

Mit seinem Debütroman „Schwestern. Trotz allem" legt er nun eine eindringlich erzählte Familiengeschichte vor, die die Themen Schuld, Verlust und Überleben im zerrütteten Nachkriegsösterreich auf sehr persönliche Weise beleuchtet. Besonders bemerkenswert ist, dass es sich bei diesem Debüt keineswegs um einen frei erfundenen historischen Familienroman handelt, sondern er vielmehr auf den mündlichen Erzählungen von Moors Frau Sonja basiert, deren Mutter und Tanten das Schicksal der drei Protagonistinnen teilen. Daraus ist Moor eine faszinierende Chronik weiblicher Resilienz und eine bewegende Geschichte über familiäre Brüche und das Ringen um Würde, menschliche Nähe und Selbstbestimmung in einer von Chaos und den Wunden des Krieges gezeichneten Zeit gelungen.

Gegen Ende des Krieges verlieren Gerti und ihre beiden jüngeren Schwestern Hansi und Rudi innerhalb kürzester Zeit fast alles, was ihnen Halt gibt: Der Vater verschwindet spurlos, die Mutter stirbt unerwartet, und die drei Geschwister werden auseinandergerissen. Während Gerti bei den Großeltern und einer Tante zurückbleibt, kommen Hansi und Rudi in ein Heim, ohne sich je wiederzusehen.

Geschickt spannt der Autor einen weiten erzählerischen Bogen über mehrere Jahrzehnte, der von den letzten Kriegstagen, der unmittelbaren Nachkriegszeit in Österreich bis ins Jahr 2010 reicht, als die inzwischen betagte Gerti auf ihr bewegtes Leben zurückblickt und nüchtern die Bilanz zieht: „Es war kein schönes Leben. Aber es war meins.“.

Auch wenn im Zentrum dieser emotional aufwühlenden Geschichte vor allem Gertis ereignisreicher Lebensweg steht, wechselt die Perspektive gelegentlich zu ihren beiden Schwestern Hansi und Rudi und rückt so auch deren ganz eigene, individuelle Schicksale in den Blick.

Eine besondere Stärke des Romans liegt in der nuancenreichen Zeichnung seiner drei so unterschiedlichen Protagonistinnen. Äußerst eindringlich macht Moor am Beispiel der Schwestern deutlich, dass Überleben in jener gnadenlosen Zeit viele Gesichter kennt. Jede von ihnen hat ihre eigene, individuelle Strategie entwickelt, um mit dem Schmerz der Trennung, der zerbrochenen Kindheit und den erlittenen Traumata umzugehen. So entwirft Moor ein aufschlussreiches Panorama weiblicher Lebensentwürfe, die allesamt von den engen gesellschaftlichen Zwängen der 1950er- und 60er-Jahre geprägt sind.

Äußerst anschaulich zeichnet Moor in verschiedenen Episoden Gertis Leben gegen die zahllosen Widerstände einer Gesellschaft nach, die für Frauen wie sie kaum Spielraum vorsah. Als alleinerziehende Mutter ohne präsenten Ehemann sieht sie sich nicht nur ständigem Misstrauen und gesellschaftlicher Ächtung ausgesetzt, sondern muss sich auch den unterschwelligen Drohungen der Jugendfürsorge stellen. Mit beharrlicher Sturheit und stoischem Stolz leistet sie trotzigen Widerstand und versteht es, sich allen alltäglichen und gesellschaftlichen Widrigkeiten zum Trotz mit bemerkenswerter Würde zu behaupten und ihren Kindern ein glückliches Leben zu ermöglichen.

Aufschlussreich sind auch die deutlich kürzeren, aber nicht minder eindringlichen Einblicke in die Lebenswege und persönlichen Entwicklungen der beiden jüngeren Schwestern.

Die lebenshungrige, mittlere Schwester Rudi trägt die Narben ihrer harten Zeit im Waisenheim sichtbar mit sich. Schönheit und Glamour werden zu ihrer Rüstung, begleitet vom quälenden Gefühl, nirgends wirklich zu genügen. Rastlos flieht sie von einer Beziehung in die nächste und kann die tiefe Angst vor dem Verlassenwerden nur mühsam überspielen.

Hansi, die Jüngste, wächst bei liebevollen Adoptiveltern auf und wirkt nach außen hin am unbeschwertesten. Beruflich erfolgreich, emotional distanziert und unabhängig, mag sie sich weder an einen Mann noch an ein Kind binden. Doch ihr äußerer Erfolg vermag die innere Leere nicht zu überdecken, die aus der frühen Prägung durch Verlust resultiert. Die Figuren - insbesondere Gerti - wirken durch und durch lebendig und aus dem Leben gegriffen, sodass ihre Handlungen sehr glaubwürdig und nachvollziehbar sind. Sie machen Fehler, stolpern über ihre eigenen Entscheidungen, lieben mit ganzer Hingabe und scheitern dabei immer wieder. Gerade in ihrer menschlichen Unvollkommenheit, den Brüchen und Widersprüchen ihres Handelns, entfalten sie eine besondere Authentizität. Bisweilen bedient sich Moor allerdings einiger hinlänglich bekannter Muster des Familienromans, so dass manche Ereignisse und Missverständnisse etwas vorhersehbar und konstruiert wirken. Gerade weil die drei Schwestern so vielschichtig und mit so viel Sorgfalt gezeichnet sind, hätte man sich an der einen oder anderen Stelle mehr überraschendere, vielleicht auch unbequemere Wendungen gewünscht. Bedauerlich ist zudem, dass das Schicksal mancher Nebenfiguren nicht weiterverfolgt und angerissene Aspekte im weiteren Verlauf nicht vertieft werden. Besonders feinfühlig widmet sich Moor der moralischen Ambivalenz und den Grauzonen von Schuld. Statt auf eine simple Täter-Opfer-Konstellation zurückzugreifen, zeigt er eindrücklich am Schicksal der auseinandergerissenen Schwestern, wie Schuld nicht nur aus bösartiger Absicht, sondern häufig aus der Ohnmacht völlig überforderter Erwachsener entsteht. So erleben wir Menschen, die in einer Ausnahmesituation lediglich das taten, was ihnen für das schiere Überleben richtig erscheint. Zutiefst erschütternd wirkt dabei das hilflose Hinnehmen fremder Entscheidungen sowie die bürokratische Gleichgültigkeit, mit der einst über die folgenschwere Trennung der drei Schwestern entschieden wurde. Sehr aufwühlend und nachdenklich stimmend ist die emotionale Kälte jener Erwachsenen, die weder Rücksicht auf das seelische Erleben der Kinder nahmen noch die ganze Tragweite ihrer Verlusterfahrung zu erfassen vermochten. Eindrucksvoll veranschaulicht Moor darüber hinaus, wie sehr die Wunden und die Last der Vergangenheit über Generationen nachwirkt hinweg fortwirken. 

Äußerst gelungen ist schließlich das ausgewogene Wechselspiel zwischen der Schwere der behandelten Themen und der erzählerischen Leichtigkeit, mit der Moor sie vermittelt. Sein untrüglicher journalistischer Blick für Details und sein feines Gespür für authentische Stimmen zeigen sich in lebendigen Dialogen und skurrilen Momenten ebenso wie in einem geschickt eingesetzten, beiläufigen Humor, der die Tragik der Ereignisse auf wohltuende Weise auffängt.


FAZIT

Ein einfühlsames, autobiografisch inspiriertes Debüt über Schuld, Würde und weibliche Resilienz in einer zerrütteten Zeit. Ein berührender Roman, der mit seinen faszinierenden, glaubwürdigen Figuren und sehr emotionalen Momenten, noch länger nachhallt!




BEWERTUNG





Rezensionsexemplar - *Unbezahlte Werbung*

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