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Ein unerhörter Wunsch von Ann Packer

  • vor 4 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Ein eindringlicher Roman über das Sterben


INHALT

Dass dieser Moment kommen würde, wussten sie beide: Claires Erkrankung geht in die Phase der letzten Monate und Wochen. Fast vierzig Jahre lang haben sie eine gute Ehe geführt, zwei Kinder großgezogen und die Herausforderungen des Lebens gemeinsam bewältigt – die sprühende Claire und Eliot, stets etwas in ihrem Schatten, aber bedingungslos an ihrer Seite. Vielleicht waren sie sich nie so nah wie jetzt. Da konfrontiert ihn Claire mit einem Wunsch, der ihn komplett aus der Bahn wirft: Nicht ihn will sie um sich haben in der Zeit, die ihr bleibt, sondern ihre besten Freundinnen Holly und Michelle.



(Quelle: Hanser – Erscheinungstermin: 21.07.2026 - ISBN: 978-3-446-28719-8 - Übersetzung aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky)









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MEINE MEINUNG


In ihrem neuen, aufwühlenden Roman „Ein unerhörter Wunsch“ widmet sich Ann Packer dem Sterben eines Menschen und den vielfältigen emotionalen Herausforderungen für das engste Umfeld sowie die pflegenden Bezugspersonen. Sie greift damit eine anspruchsvolle wie bedrückende Thematik auf. Mit großer Sensibilität beleuchtet die Autorin das komplexe Spannungsfeld zwischen Nähe und Abgrenzung, zwischen Vertrauen, Liebe, Fürsorge und Würde und stellt dabei die Frage, wie viel Selbstbehauptung einem Menschen bleibt, wenn das Lebensende unausweichlich näher rückt.

Im Mittelpunkt der aus Eliots Perspektive erzählten Geschichte steht das seit vierzig Jahren verheiratete Paar Claire und Eliot, dessen Beziehung von tiefer Verbundenheit, Verlässlichkeit, vertrauten Alltagsroutinen und beständiger Zuneigung geprägt ist. Trotz aller Harmonie stehen unausgesprochene Gefühle und latente Missverständnisse zwischen ihnen, die bis in das Leben ihrer inzwischen erwachsenen Kinder hineinwirken. Seit Claires erschütternder Krebsdiagnose begleitet Eliot sie über Jahre hinweg, organisiert den Alltag und pflegt sie mit großer Hingabe, sodass seine Rolle als Ehemann längst untrennbar mit der des Pflegenden verschmolzen ist.

Als Claire, inzwischen als nicht mehr therapierbar, in die terminale Phase mit nur noch wenigen Monaten Lebenserwartung eintritt und von einem Hospizteam zu Hause betreut wird, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung. Sie wünscht sich, dass Eliot das gemeinsame Haus verlässt und ihren beiden engsten Freundinnen, Holly und Michelle, den Platz an ihrer Seite überlässt. Hautnah erleben wir mit, wie sehr Claires letzter Wunsch Eliot erschüttert und das fragile Gleichgewicht ihrer Beziehung ins Wanken bringt. Mit großer psychologischer Genauigkeit und ohne große Dramatisierung. entfaltet Packer die Tragweite dieser überraschenden Entscheidung. Behutsam legt  sie die vielschichtigen Konsequenzen für alle Beteiligten frei und zeigt dabei gekonnt auf, wie eng Liebe und Verletzung, Nähe und innere Distanz miteinander verwoben sein können.

Die schwelenden Spannungen verdichten sich in Gesprächen, subtilen atmosphärischen Verschiebungen und schmerzhaft eindeutigen Reaktionen. Zugleich spürt sie in verschiedenen Episoden der Frage nach, wer einen geliebten Menschen in der finalen Lebensphase begleiten darf, was man einander schuldet und wo Fürsorge an ihre Grenzen stößt, wenn der Sterbende selbstbestimmt über seine letzten Tage verfügen möchte. Bemerkenswert ist dabei, dass die Autorin Claires Innenleben bewusst im Ungefähren belässt und so gezielt eine Leerstelle schafft. Durch das Fehlen einer unmittelbaren Innensicht lenkt sie unser Augenmerk konsequent auf die Wahrnehmung der anderen Figuren und unterstreicht zugleich die Unzugänglichkeit eines Menschen am Ende seines Lebens. Dadurch lässt sie Raum für unterschiedliche Deutungen und macht für uns die Grenzen des Verstehens eindrucksvoll erfahrbar. Geschickt zeigt sie die Ambivalenz von Claires Wunsch auf Selbstbestimmung auf, der zunächst egoistisch, verletzend und undankbar erscheint, vor dem Hintergrund ihrer existenziellen Situation aber auch nachvollziehbar ist. Claire erleben wir als widersprüchliche, eigenwillige und schwer greifbare Figur, die mit ihren Emotionen und Ängsten zu kämpfen hat.

Besonders überzeugend ist die vielschichtige Zeichnung Eliots. Ausführlich wird geschildert, wie er den Alltag inmitten dieser Ausnahmesituation bewältigt. Halt findet er in den scheinbar banalen, alltäglichen Haushaltsroutinen wie dem Kochen, Backen und Waschen, die ihm eine gewisse Struktur im Leben geben und verhindern, den Boden unter den Füßen zu verlieren. In seiner Fürsorge zeigt er sich aufmerksam und beinahe aufopferungsvoll. Gerade in seiner unermüdlichen Zuwendung wird jedoch deutlich, wie verbissen er versucht, Kontrolle über eine Situation zu behalten, die sich letztlich jeder Kontrolle entzieht. So verwundert es nicht, dass auch er bisweilen im Gefühlschaos von Trauer, Rücksichtnahme und vermeintlicher Zurückweisung an die Grenzen seiner Belastbarkeit gerät.

Packer macht eindringlich deutlich, dass Claires terminale Krankheit nicht nur den körperlichen Verfall betrifft, sondern auch gewachsene Beziehungsgeflechte angesichts des Unausweichlichen erschüttert. Das engste Umfeld sieht sich gezwungen, Unverständnis, verletzende Momente und emotionale Überforderung auszuhalten. So entwirft Packer ein differenziertes Bild dessen, was es bedeutet, einen geliebten Menschen auf dem schwierigen Weg des Sterbens zu begleiten und zugleich selbst Begleitung zu erfahren. Nachdrücklich zeigt sie, wie unterschiedlich Menschen mit Abschied, Angst und Überforderung umgehen und wie leicht man trotz aller Liebe scheitern und sich in einer derart extremen Situation sogar voneinander entfernen kann.


FAZIT

Ein einfühlsam erzählter, psychologisch vielschichtiger Roman über die emotionalen Zumutungen des Abschieds und die Grenzen von Nähe. 

Ein empfehlenswerter, zutiefst bewegender Roman, der lange nachhallt - aber keine einfache Lektüre!

 



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